Wie die Burger zum Casino kamen

Casino historisch: Die Stadtbehörden treiben den Neubau des Casinos voran und erhielten 35 Varianten das neue Gebäude. Doch dann setzte der Schlendrian ein.

Das erste Casino war kein burgerliches Projekt gewesen. Bürger, nicht Burger, engagierten sich für das 1821 eröffnete und 1895 abgerissene Casino. Und als es darum ging, für das erste Casino einen Ersatz zu bauen, war es zunächst die Einwohnergemeinde, also die Stadtverwaltung, die das Projekt vorantrieb.

Hans Auers Plan für ein Casino auf der kleinen Schanze. Das heutige Parkcafé befindet sich im Bereich der Grünfläche links des geplanten Casino-Gebäudes. Quelle: Burgerbibliothek Bern, VA Casino 134.2

1895 legte der Architekt Hans Auer einen ambitionierten Plan für ein neues Casino auf der kleinen Schanze vor. Daraufhin brachte ein Gegenkomitee den Standort der alten Hochschule ins Spiel. Diese Idee überzeugte die Einwohnergemeinde: 1897 entschied sie mit 3251 zu 1777 Stimmen, das neue Casino am Nordende der Kirchenfeldbrücke zu bauen.

Die Behörden zögerten nicht und starteten eifrig einen Planungswettbewerb. Nicht weniger als 35 Entwürfe wurden eingereicht – und dann geschah jahrelang nichts mehr. Der Grund für den Schlendrian war trivial: Die Stadt hatte kein Geld. Seit Jahren folgte auf ein teures Projekt das nächste. Und zuletzt hatte die Einwohnergemeinde mit dem Bau des Stadttheaters einen besonders schweren Brocken zu stemmen. Ein neues Casino als weiterer gesellschaftlicher Treffpunkt lag nun ganz einfach nicht mehr drin.

Hans Auers Pläne für das Parterre und den zweiten Stock. Quelle: Burgerbibliothek Bern, VA Casino 134.1

Damit schlug die Stunde der Burgergemeinde. Diese hatte im 19. Jahrhundert an Bedeutung verloren: Bürgerliche Eliten und staatliche Institutionen hatten das Burgertum in vielen Bereichen abgelöst. Die ehemals tonangebenden Burger waren in den Hintergrund getreten und auch unter den Burgern selbst war umstritten, ob die Burgergemeinde im öffentlichen Leben überhaupt noch eine Rolle spielen sollte (siehe «Burgersturm»).

Die klamme Lage der Stadt eröffnete nun quasi die Chance auf eine Renaissance. Zwar hatte die Burgergemeinde an der Stelle der Alten Hochschule ursprünglich einen Ausbau der damaligen Stadtbibliothek vorgesehen. Mit dem Casino konnte sie nun aber ein anderes, für die Stadt wichtiges Projekt realisieren. Damit setzten die Burgergemeinde um, was sie sich 1893 in ihre Verfassung geschrieben hatte: Sie setzte ihre Einnahmen zu Gunsten der Berner Öffentlichkeit ein.

Die Burgergemeinde übernahm die Verantwortung, leitete den Bauprozess und finanzierte das Gebäude. Die Stadt erhielt damit ein Geschenk und die Burger fanden nicht zuletzt mit dem Bau des Casinos zu einer neuen Rolle. Zwar regierten sie die Stadt nicht mehr, dafür aber erlangten die Institutionen der Burgergemeinde eine wichtige Rolle im sozialen und kulturellen Leben der Stadt. Wichtiger als den Ton anzugeben, war nun die richtigen Töne zu treffen.

Dieser Beitrag ist am 04.11.2017 in der Berner Zeitung BZ erschienen.

Autor: Benedikt Meyer. Er ist Historiker und mag nicht nur die Akustik des Konzertsaals, sondern auch die Geräuschkulisse der Gartenterrasse an lauen Sommerabenden. www.benediktmeyer.ch